
Wenn ich dich im Wartezimmer abhole, sage ich meistens: «Wir machen jetzt Ihre Mammografie.» Oft stimmt das nur halb. Sehr oft machen wir eigentlich eine Tomosynthese. Der Unterschied klingt technisch, lässt sich aber in zehn Sekunden zeigen. Mit drei Gegenständen auf einem Tisch.
Der Trick mit den drei Gegenständen
Stell dir drei Dinge vor, die hintereinander auf einem Tisch stehen. Vorne die gehäkelte Brust, mit der wir sonst die Selbstuntersuchung üben. Dahinter ein Apfel. Und dahinter eine Birne.
Schau genau von vorne drauf. Du siehst die gehäkelte Brust. Apfel und Birne verschwinden dahinter. Nicht weil sie weg wären, sondern weil sie verdeckt sind.
Jetzt geh zwei Schritte zur Seite.
Plötzlich sind alle drei da. Brust, Apfel, Birne.
Verändert hat sich nichts ausser dem Winkel. Und genau darum geht es bei der Tomosynthese.
Was im Gerät anders läuft
Für dich fühlt sich die Untersuchung fast gleich an. Du stehst gleich, die Brust wird gleich gelagert und gleich komprimiert. Der Unterschied steckt in der Bewegung.
Bei der klassischen Mammografie steht die Röntgenröhre still. Sie macht ein Bild pro Ebene, eines von oben, eines von der Seite. Alles, was in der Brust hintereinander liegt, landet auf diesem Bild übereinander.
Bei der Tomosynthese fährt die Röhre in einem kleinen Bogen über die Brust und nimmt dabei viele Bilder aus verschiedenen Winkeln auf. Je nach Gerät sind das rund 9 bis 25 Aufnahmen, jede einzelne mit sehr niedriger Dosis.
Das ist der gleiche Effekt wie deine zwei Schritte zur Seite. Nur eben viele kleine Schritte.
Post Processing, also das Rechnen danach
Die eigentliche Arbeit passiert erst nach der Aufnahme. Im Fachjargon heisst dieser Schritt Post Processing. Auf Deutsch: Nachbearbeitung.
Eine Software nimmt die vielen Einzelaufnahmen und rechnet daraus dünne Schichtbilder. Man kann sich das vorstellen wie ein Buch, das aus einem einzigen dicken Blatt wieder in Seiten zerlegt wird.
Danach blättert sich die Radiologin durch die Brust, Schicht für Schicht. Was vorher übereinander lag, liegt jetzt nebeneinander.
Aus denselben Daten lässt sich zusätzlich ein Bild berechnen, das aussieht wie eine gewöhnliche Mammografie. Das nennt sich synthetische 2D Aufnahme. Wichtig ist daran vor allem eines: dafür braucht es keine zusätzliche Röntgenaufnahme.
Drei Dinge in einer Brust

In einer echten Brust stehen die drei Dinge nicht nebeneinander auf einem Tisch. Sie liegen in verschiedenen Tiefen übereinander.
Sagen wir, in der einen Schicht liegt eine Gruppe feiner Kalkpünktchen. In der nächsten eine verzweigte Struktur. In der dritten eine kleine sternförmige Verdichtung.
Auf der klassischen 2D Aufnahme fällt das alles auf ein einziges Bild. Ein Gewirr, in dem sich die drei gegenseitig überlagern. Man sieht etwas, aber man sieht nicht sauber, was davon wozu gehört.
In den Schichtbildern liegt der Kalk in Schicht 1, die verzweigte Struktur in Schicht 2, der Stern in Schicht 3. Jedes für sich. Genau wie deine zwei Schritte zur Seite.
Was das bringt
Überlagerung ist das Hauptproblem der klassischen Mammografie. Gewebe legt sich über Gewebe, und was darunter liegt, sieht man schlechter. Je dichter die Brust, desto grösser das Problem.
Die deutsche ToSyMa Studie hat das mit rund 100'000 Frauen im Screening untersucht. Die Tomosynthese fand deutlich mehr invasive Karzinome als die klassische Mammografie, und am deutlichsten war der Unterschied bei Frauen mit sehr dichtem Drüsengewebe.
Es geht aber nicht nur ums Finden. Überlagerung kann auch harmlos sein und trotzdem verdächtig aussehen. Dann kommt ein Rückruf, es kommen Zusatzbilder, es kommen ein paar Tage Unruhe. Manche davon lassen sich sparen, wenn man von Anfang an in Schichten schauen kann.
Und die Strahlung?
Mehr Bilder klingt erst einmal nach mehr Strahlung. So einfach ist es nicht, aber auch nicht ganz falsch.
Jede Einzelaufnahme läuft mit sehr niedriger Dosis. Kommt die Tomosynthese zusätzlich zu einer echten 2D Mammografie dazu, summiert sich das trotzdem. Wird stattdessen das synthetische 2D Bild aus den Tomosynthesedaten gerechnet, bleibt die Gesamtdosis in der Grössenordnung einer klassischen Mammografie, meist leicht darüber.
Zur Einordnung: eine Mammografie liegt bei rund 0,4 Millisievert. Ungefähr so viel wie ein Wochenende in den Bergen. Mehr dazu steht in unserem Artikel über die Strahlung in der Mammografie.
Mehr ist nicht immer besser
Das klingt jetzt so, als wäre Tomosynthese immer die bessere Wahl. Ist sie nicht.
Bei wenig dichtem Brustgewebe liegt kaum etwas übereinander. Dann sieht man auf der klassischen 2D Mammografie schon alles, was es zu sehen gibt. Die zusätzlichen Aufnahmen bringen wenig, und die Dosis lässt sich sogar etwas tiefer halten.
Was für dich passt, hängt von deiner Brustdichte ab, vom Grund der Untersuchung und vom Gerät im Institut. Das ist kein Detail nur für Fachleute. Du darfst beim nächsten Termin einfach fragen: «Machen wir eine Tomosynthese oder eine klassische Mammografie? Und warum diese?»
Eine gute Antwort darauf bekommst du immer.
Was bleibt
Die Technik hat in den letzten Jahren grosse Schritte gemacht, und das meiste davon merkst du gar nicht, während du vor dem Gerät stehst. Du musst sie fachlich auch nicht beherrschen, um von ihr zu profitieren.
Aber es tut gut zu wissen, was da eigentlich passiert. Wissen nimmt einer Untersuchung viel von ihrer Schwere.
Und was als Nächstes kommt? Wir werden sehen.
Radiosa ist ein Informationsangebot und Ratgeber zur Brustgesundheit und kein Medizinprodukt. Die Inhalte ersetzen keine fachliche Abklärung bei einer Ärztin oder einem Arzt.
Quellen
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