Warum ein Rezept nicht für alle passt, und warum moderne Medizin Gender stärker berücksichtigen muss.
Männer und Frauen werden unterschiedlich krank. Sie nehmen Symptome anders wahr, suchen zu unterschiedlichen Zeitpunkten Hilfe und sprechen verschieden auf Behandlungen an. Die Medizin hat lange versucht, universelle Antworten zu geben. Doch immer deutlicher wird: Gesundheit ist auch eine Frage des Geschlechts.
Darauf machte Prof. Gertraud (Turu) Stadler beim Fachforum Gesundheit des Tagesspiegel am 5. März 2026 aufmerksam. Stadler ist Professorin für geschlechtersensible Präventionsforschung an der Charité Berlin und leitet dort die Abteilung Gender in Medicine. Ihr Vortrag zeigte eindrücklich, wie stark Biologie, soziale Rollen und alltägliche Gewohnheiten zusammenwirken, und warum Prävention ohne Geschlechterperspektive oft an ihre Grenzen stösst.
Mehr als Biologie: Der Unterschied zwischen Sex und Gender
Stadler erläuterte anhand eines Modells nach Mauvais-Jarvis et al. (The Lancet, 2020) die zwei Dimensionen von Geschlecht in der Medizin. Sex beschreibt die biologische Seite: Chromosomen, Sexualhormone und physiologische Eigenschaften. Diese beeinflussen, welche Krankheitsbilder und Pathophysiologien entstehen, wie sich Erkrankungen manifestieren und wie Patientinnen und Patienten auf eine Behandlung ansprechen.
Gender bezieht sich auf die darüberliegende soziale Ebene, die von der Gesellschaft geformt wird: Gesundheitsverhalten, Zugang zu Ressourcen, Ernährung, Bewegung und Stresserleben. Gender beeinflusst, wie Krankheiten wahrgenommen werden, ob und wann Hilfe gesucht wird, wie Entscheidungen im Gesundheitswesen fallen und letztlich auch den Behandlungserfolg.
Entscheidend: Beide Ebenen sind nicht voneinander zu trennen. Sie wirken über epigenetische Mechanismen aufeinander ein. Soziale Faktoren wie chronischer Stress oder Ernährungsgewohnheiten können die biologische Ebene verändern. Und das Verhalten von Patientinnen, Patienten und Behandelnden wird gleichzeitig von beiden Dimensionen geprägt.
Wie viel Krankheitslast ist vermeidbar?
Stadler präsentierte Daten aus dem Global Burden of Disease Report (IHME, 2025) für Deutschland, aufgeschlüsselt nach Geschlecht. Die Frage: Wie viel Krankheitslast lässt sich durch Verhalten, metabolische Parameter und Umweltfaktoren erklären?
Das Ergebnis ist deutlich: Bei Männern sind es 48,5%, bei Frauen 42,0%. Risikofaktoren erklären also bei Männern mehr Krankheitslast als bei Frauen. Die zentralen Faktoren, Ernährung, Bewegung, Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck, Blutfettwerte und Umweltbelastungen, wirken dabei nicht isoliert, sondern in komplexen Überlappungen. Verhaltens- und metabolische Faktoren verstärken sich gegenseitig: Schlechte Ernährung und Bewegungsmangel treiben Übergewicht, das wiederum Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen fördert.
Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Krankheitslast wäre vermeidbar, wenn Präventionsstrategien besser auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten wären.
Prävention scheitert bei Männern und Frauen aus unterschiedlichen Gründen
Ein besonders eindrücklicher Teil des Vortrags betraf die geschlechterspezifischen Zugangsbarrieren zur Gesundheitsvorsorge. Stadler zeigte anhand zweier Studien (Teo et al., Social Science & Medicine; Robertson et al., Obesity Research & Clinical Practice), dass Männer und Frauen aus ganz verschiedenen Gründen an Prävention scheitern.
Bei Männern zeigen Studien häufig:
- Geringere Risikowahrnehmung
- Schwierigkeiten, Vorsorgetermine in den Alltag zu integrieren
- Gesundheitsprogramme werden als unattraktiv und unmännlich wahrgenommen
- Übergewicht wird eher als normal eingeschätzt
Bei Frauen liegen die Hürden anders:
- Familiäre Verpflichtungen und Care-Arbeit können Hürden darstellen
- Bewegungsmangel ist bei Frauen häufiger, nicht aus mangelndem Wissen, sondern aus mangelnder Gelegenheit
Eine weitere Erkenntnis, die Stadler hervorhob: Geschlechtshomogene Gruppen werden bevorzugt. Programme, in denen Männer unter Männern oder Frauen unter Frauen arbeiten, senken die Hemmschwelle und können die Wirksamkeit erhöhen.
Die Zukunft: Personalisierte Medizin statt Einheitstherapie
Stadler schloss ihren Vortrag mit einem Blick nach vorn. Das bisherige Modell der Medizin, eine einzige Therapie für alle mit derselben Diagnose, führt dazu, dass manche profitieren, andere nicht ansprechen und wieder andere sogar unerwünschte Wirkungen erleben.
Die personalisierte Medizin verfolgt einen anderen Ansatz: Durch gezielte Diagnostik, zum Beispiel Blutanalysen, DNA-, Urin- und Gewebeuntersuchungen, sollen Therapien individuell zugeschnitten werden. Geschlecht ist dabei ein zentraler, aber bisher oft übersehener Baustein.
Wer Präzisionsmedizin will, muss Sex und Gender als grundlegende Variablen mitdenken, neben Genomik und Biomarkern.
Was das für uns bedeutet
Prävention funktioniert nicht nach dem Prinzip „one size fits all“. Die Hürden wirken bei Männern und Frauen in entgegengesetzte Richtungen: Männer kommen häufig nicht zur Vorsorge, Frauen finden oft keine Zeit dafür. Das erfordert verschiedene Ansätze statt universeller Programme.
Eine geschlechtersensible Perspektive macht Medizin gerechter und wirksamer. Das gilt für die Forschung, für das Gesundheitssystem und für jede Person, die sich fragt, warum ein Gesundheitsprogramm nicht zum eigenen Alltag passt.
Quellen
- Mauvais-Jarvis, F. et al. (2020). Sex and gender: modifiers of health, disease, and medicine. The Lancet, 396(10250), 565-582.
- Teo, C.H. et al. (2016). Barriers and facilitators to health screening in men: A systematic review. Social Science & Medicine.
- Global Burden of Disease Data 2025, Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME).
- Vortrag Prof. Gertraud (Turu) Stadler, Tagesspiegel Fachforum Gesundheit, 5. März 2026.

